Einen Heiligen malen?
  Ob ich das kann ...

Oskar Kokoschka und Vinzenz Pallotti

„Möge mein Bild eure Augen öffnen, möge mein Bild des Heiligen in euer Inneres sehen,
euch erwecken! Aus einer Hand voll Asche, einer Totenmaske, kam mir der Mut zur Bitte“
Oskar Kokoschka

Portrait gemalt von Oskar Kokoschka

Nur lebende Personen wurden von Oskar Kokoschka (1886-1980) porträtiert. Einzig Vinzenz Pallotti machte eine Ausnahme. Und so hatte der Künstler auch weniger die tatsächliche Gestalt Pallottis, seine wirklichen Gesichtszüge und sein Erscheinungsbild, auf die Leinwand gebannt, als vielmehr den rastlosen Seher und Kämpfer für eine bessere Zukunft der Kirche.

Die kräftigen Farben, vorherrschend das von Kokoschka bevorzugte Blau, lassen den weit blickenden „Apostel von Rom“ erkennen, von Gott fasziniert, von Kraft und Leidenschaft für seine Ideen durchdrungen.

Die markanten und doch nicht harten Züge seines Gesichtes, die schreitende Gestalt und die mächtige, nach vorne weisende, zugleich segnende Hand fordern heraus – mehr als ein liebliches Bild. Sie fordern zum Nachdenken, zum Sich-Auseinandersetzen und nicht zuletzt zu entschlossenen Konsequenzen.

Die Entstehung des Bildes

Der frühere Ökonom der Pallottiner, Pater Rudolf Mitterer SAC, erinnert sich:

"Jahrzehntelang war das Porträt Pallottis, das Leo Samberger gemalt hatte, das beherrschende Bild. Ende der fünfziger Jahre dachte ich, dass wir vor der Heiligsprechung 1963 ein neues Bild von Vinzenz Pallotti bräuchten. Geld hatten wir zwar keines, aber versuchen konnten wir es ja. Ich habe unseren Kunsterzieher Pater Hiller gefragt: „Wer ist heute der führende Künstler für ein Portrait?“ Er sagte spontan: „Oskar Kokoschka“, obwohl dieser zu den Expressionisten gerechnet wird.

Kokoschka wohnte damals in Villeneuve am Genfer See, aber in jenem Sommer war er in Salzburg, wo er die Schule des Sehens leitete. Schon seit vielen Jahren hielt er jährlich diese Kurse für junge Künstler auf der Festung ab. Sollte man da nicht einfach hingehen? Ich hatte gehört, dass es von ihm Literatur gibt. In der Salzburger Galerie Welz in der Siegmund Haffnergasse kaufte ich ein Buch über Oskar Kokoschka. Der Buchhändler sagte auf die Frage, ob man den Künstler sprechen könnte: „Gehen Sie doch einfach auf die Festung hinauf.“ Kokoschka werde uns schon empfangen.

Als wir hinauf gingen, kam er auf dem Weg daher, ganz allein, und wir trugen ihm unsere Bitte vor. Er meinte: „Gehen wir doch in meine Arbeitsräume, ich geh’ voraus!“ Wir erzählten ihm von unserem Stifter Pallotti. Dann sagte er: „Zeigt mir einmal ein Bild“. Eine Woche später gingen wir wieder in die „Schule des Sehens“ und brachten ein Bild mit, ein sonst unbekanntes Bild, aber eines mit lieblichem Ausdruck. Kokoschka lächelte: „A liab’s G’sichterl.“

Wir gaben ihm später auch die Totenmaske. Damals machte er so etwas wie eine Zusage und lud uns ein: „Schaut meine Schule an!“ Wir sahen Studenten bei der Arbeit. Die meisten malten Landschaften oder Blumen. Einige Remisen in der Festung wurden als Malsäle benützt. Vor einem Saal, in dem Aktmalerei vonstatten ging, sagte er: „Halt, ich muss erst hineingehen, dass sie was anziehen!“ Die Bilder der Studenten korrigierte und bestätigte er und manchmal rief er auch aus: „Das wird nie was!“ Wir fragen ihn zum Schluss: „Dürfen wir eine Entscheidung hören oder ist es noch zu früh?“ Er antwortete: „Einen Heiligen malen – das weiß ich nicht, ob ich das kann!“

Nach etwa zwei Jahren besuchten wir Kokoschka in Villeneuve am Genfer See. Bei diesem Besuch führte er uns zu dem Bild; es war halb fertig! Nun waren wir etwas zurückhaltend, weil wir noch nicht die Bestätigung zum Erwerb des Bildes vom Provinzial hatten.

Beim zweiten Besuch in Villeneuve war das Bild schon fertig. Kokoschka sagte: „Die Tate-Gallery in London hat Interesse das Bild auszustellen. Können wir es nicht hinbringen lassen? Das hätte den Vorteil, dass es gerahmt wird.“ Bei unserem dritten Besuch in der Schweiz übergab er uns das Bild. Ich sagte überrascht: „Das ist ja nicht signiert!“ Da drehte Kokoschka das Bild um und zeigte auf die Rückseite: „Sanctus Vincentius Pallotti, O.K.“ Es ist das einzige Bild, das er auf der Rückseite signierte – aus Ehrfurcht vor dem Heiligen.

Er sagte auch: „Früher habe ich meine Bilder – vor allem Städte – von oben aus gemalt. Das hatte ich im Krieg geschworen, weil ich da die ganze Welt von unten, vom Schützengraben aus, anschauen musste. Jetzt aber habt ihr mich dazu verführt, von unten aufzuschauen zu diesem Vinzenz Pallotti.“

Kokoschka war schon im Krankenhaus in Lausanne, da vertraute er uns an: „Ich bin froh, dass ich diesen Pallotti gemalt habe; jetzt weiß ich, wo ich hingehöre. Jetzt bin ich auf dem Weg nach oben.“ Zur Frage der Kosten sagte Kokoschka: „Für einen Heiligen nehme ich kein Geld. Aber für Kinder könnt ihr was tun!“ Wir haben das Bild dann in Münchem im Haus der Kunst schätzen lassen. Man sagte uns damals: 100.000 Mark. Wir haben schließlich in seinem Einverständnis 40.000 Mark nach Indien überwiesen. Er selbst hat kein Geld genommen. In einigen Briefen Kokoschkas an uns ist die Rede davon.

P. Poieß, ein Mitbruder an der Theologischen Hochschule in Vallendar sagte später: „Mitterer, das war ein Geniestreich! Am meisten freut mich aber, dass Kokoschka seinen Weg dabei gefunden hat."

In diesen Augen brennt heilige Glut
Aus diesen Augen leuchtet drängende Sehnsucht
In diesem Gesicht steckt konsequente Entschlossenheit
Aus diesem Gesicht strahlen Güte und Liebe
Im Gewand drängt der Schritt nach vorne
Aus dem Gewand tritt der Kämpfer für
Gottes unendliche Liebe
In der mächtigen Hand ballt sich rastlose Energie
Aus der segnenden Hand spricht
Mut für die Zukunft:
Die Liebe Christi drängt
Sie duldet keinen Aufschub.